Streetdance - Geschichtlicher Hintergrund
Ihre Anfänge machte die heutige, weltweite Hip Hop – Subkultur (= Kultur, die sich im Hinblick auf zentrale Normen deutlich von der „herrschenden“ Kultur abgrenzt) in New York City, der größten Stadt im Bundesstaat New York. Ihr Gebiet umfasst die fünf Boroughs genannten Stadtbezirke Manhattan, Bronx, Brooklyn, Queens und Staten Island.
Anfangs der 70er Jahre herrschte vor allem in den New Yorker Bronx eine sehr hohe Kriminalitätsrate. Bandenkriminalität, Autodiebstahl, Drogenhandel und Raubüberfälle tagsüber sowie nachts waren im südlichen Teil des Boroughs (South Bronx) Alltag. Der Stadtteil wurde geprägt durch die Menschen der verschiedenen Kulturen, die in ihm lebten, wie z.B. durch den spanischsprachigen Bevölkerungsanteil aber auch durch die schwarze Bevölkerung der New Yorker Ghettos. Dieser Anteil der Bevölkerung wurde, ausgegrenzt von der Gesellschaft, jedoch in Elendsviertel verdrängt und diskriminiert. Auf grund der Rassentrennung gab es für schwarze Menschen keine Zukunftsaussichten, keine Möglichkeit einen Schulabschluss zu absolvieren noch die Chance auf einen Arbeitsplatz. Sie lebten teilweise sogar in leer stehenden Fabrikgebäuden und verdreckten Hinterhöfen.
Die Flucht der schwarzen Ober -und Mittelschicht in die „weißen“ Vorstädte sowie städtebauliche Fehlplanungen des Viertels, besonders auf dem Gebiet des sozialen Wohnungsbaues sowie beim Bau einer Umgehungsstraße, welche die Bronx nun vom Rest New Yorks abschnitt, hinterließ schließlich ein sozial isoliertes afroamerikanisches Subproletariat. In ihrer Verzweiflung und Frustration blieb vor allem den Jugendlichen kaum eine andere Möglichkeit, als auf die Straße zu gehen und ihre angestaute Aggressivität auf kriminelle Weise loszuwerden. Verarmung, Verwahrlosung, Schlägereien und sogar Morde waren die bekanntesten unmittelbaren Folgen dieser Entwicklung zu einem Teufelskreis.
Die Bronx war ein Krisenbezirk und hatte neben einem Heroin –und Bandenproblem keine ökonomische Basis, auf der man aufbauen konnte.
Doch 1976 war die Bronx alles andere als eine kulturelle Einöde. Trotz Zerstörung und Vernachlässigung war sie das Zentrum einer lebendigen, von der
Öffentlichkeit nicht wahrgenommenen zukunftsweisenden Kreativität. Innerhalb der engen Grenzen der Bronx entstanden die Ausdrucksformen, die mit der HipHop -Kultur assoziiert werden: Graffiti-Kunst, Breakdance, Rappen und Mixen (Djing).
Graffiti ist so alt wie die ältesten Steinmauern. Vieles von dem, was wir heute über die alte Geschichte wissen, ist uns durch Bilder und Symbole überliefert worden, die vor Jahrtausenden auf Mauern festgehalten worden sind. Als sich die Menschheit immer weiterentwickelte und Papier sich als eines der wichtigsten Kommunikationsmedien durchsetzte, wurde das Verzieren von Mauern mit Worten Tabu und galt als Rückfall in unzivilisierte Zeiten. „Nach Ende des 2. Weltkrieges, als Amerika alles daran setzte, sich ein blütenreines Äußeres zu verschaffen, sei es in Geschichte oder Architektur, begann auch der Aufstieg von Graffiti“. Zuerst als kleines städtisches Ärgernis verstanden nahm das Interesse an Graffiti in den 70er Jahren explosionsartig zu. Mit Spraydosen bewaffnet, die unter anderen Krylon, Rustoleum, Flowmaster Ink oder Red Devil-Spray genannt wurden, verzierten Sprayer, die sich selbst als Künstler verstanden, Busse und Bahnen mit Obszönitäten und Reimen (=Subway-Graffiti). Es gab unzählige Strafverfolgungen, da es verboten war, aber genau deshalb war es die Lieblingsbeschäftigung vieler Jugendlicher. Mit neu entwickelter Kreativität und unter totaler Missachtung des Seelenfriedens ihrer Mitmenschen verzierten und verfremdeten Graffiti- Künstler aller Stadtteile öffentliche Verkehrsmittel mit riesigen, kunstvollen Wandbildern. Meist stand auf den Mauern der mit comicartigen Buchstaben geschriebene, selbst gegebene Name des Sprayers, der so genannte Tag, der so auf sich und seine Kunst aufmerksam machen und gleichzeitig vor der Polizei geschützt sein wollte.
Obwohl Graffiti bei den intellektuellen Kritikern auf Ablehnung stieß und die etablierte Kunstszene schnell wieder das Interesse an der neuen Kunstform verlor, sorgte ein gewisser Jean-Michel Basquiat, auch Samo genannt, mit seiner schrägen Technik, welche die Distanz zum Bürgertum wiederspiegelte, dafür, dass das Interesse an Graffiti bestehen blieb und wieder hervorgerufen wurde.
Nach seinem Tod wurde ihm im Whitney Museum in New York sein Status als Künstler bestätigt. Gegen Ende der 80er Jahre stellten Schriftsteller eine Verbindung zwischen Graffiti-Künstlern und den Musik- und Tanzstilen her, die ihnen von den Straßen bekannt waren. Eine der besten Filmdokumente des HipHop ist bis heute der Film namens Wild Style von Charlie Ahearn, der die Vermischung der Straßenkultur der Bronx verdeutlicht aber auch die Verbindung der Kulturen mit der reichen Bevölkerung hervorhebt, in der hauptsächlich die weiße Bevölkerung dominierte und welche die Rolle des Zuhörers und Geldgebers hatte.
Getanzt wurden Tanzstile wie der Freak oder der Smurf, lockere auf Funkmusik spezialisierte Tänze, die so gut wie jeder beherrschen konnte. Aber ein spektakulärer, gefährlicher und in seinem Wesen eher auf einen Wettkampf spezialisierter Tanz war das sogenannte Breaking, heute besser bekannt als Breakdance. Diverse Bewegungen ganz unterschiedlicher Herkunft bestimmten die letztendliche Namensgebung dieser Tanzart, wie die rutschenden und schlurfenden Bewegungen der Musiklegende James Brown oder Michael Jackson´s Roboterbewegungen aus dem Hit Dancin´ Machine (1974), so wie athletische Tritte und Drehungen aus Kung-Fu-Filmen.
Der von Afroamerikanern zuerst als ausdrucksloser und normaler Tanzstil beschriebene Breakdance wurde später von puertoricanischen Teenagern mit hartem körperlichen Einsatz und Eifer angenommen und aufrechterhalten. Die Latinos machten das Breaking zum Wettkampf, zu einer neuen Form der Auseinandersetzung in der langen Geschichte der Bandenkultur. Gruppen von Tänzern verabredeten sich auf Parkplätzen, Spielplätzen und Straßenecken und U-Bahn- Stationen. Ihre einzigen Waffen waren Kartons und Linoleumfetzen, auf welchen sie einen Kreis bildeten und sich gegenseitig herausforderten. Die Mannschaft, die es schaffte, die Bewegungen ihrer Gegner so oft wie möglich zu kontern, ging als Sieger davon. Breaker waren in diversen Musikvideos zu sehen aber was noch faszinierender war in schnell umgesetzten Hollywoodstreifen wie Beat Street, Breakin´ und Breakin´ : Electric Boogaloo.
Der Einfluss der Latino- Tänzer auch auf die musikalische Entwicklung zeigt sich darin, dass Alben wie Limmy Castors It´s Just Begun oder Dance to the Drummer´s Beat von Herman Kelly zu Klassikern wurden, da die Breakdancer in den Musikvideos der Sänger durch ihren Tanz für die Originalität garantierten und durch Forderungen bestimmte Songs auf Partys zu spielen, den ersten Sound des HipHop prägten.
Dynamische, energiereiche Partys und bebende Clubs beherrschten sogenannte Disc Jockeys, kurz DJs genannt. Als DJ wird eine Person bezeichnet, die verschiedene Schallplatten oder CDs in einer individuellen Auswahl vor Publikum abspielt. Das wichtigste Werkzeug der DJs war damals Wheels of Steel - die Plattenteller; heute wird in den Clubs die Musik hauptsächlich über Computer und Laptops abgespielt. Später wurde zusätzlich der Mixer erfunden, der es dem DJ ermöglichte, einen Sound flüssig von einem Plattenteller auf den anderen zu übertragen und die Party im Gange zu halten.
Die gesamte Disco-Bewegung, die bis 1975 ein Phänomen der HipHop-Kultur war, basierte auf dieser Erfindung, denn der Mixer hatte enorme Auswirkungen: Er erweiterte den akustischen Horizont der Besucher, regte zum Tanzen und Trinken an und ließ das Interesse an Live-Bands in den Hintergrund treten. Der Club- DJ wurde zur Kultfigur.
Als eine der wichtigsten Personen der HipHop Entstehung wird immer wieder der Jamaikaner Clive Campbell alias Kool Dj Herc genannt. Er brachte aufwendige DJ-Techniken aus Jamaika mit und so entstand das für Rap-Musik typische Prinzip des Samplen (= eine Musikaufnahme wird in einem neuen, häufig musikalischen Kontext verwendet). Darüber erzählte ein MC (Master of Ceremonies = Zeremonienmeister) Geschichten aus seinem Wohnblock und seinem Leben und heizte das Publikum an mit Aufforderungen wie „ put your hands up in the air!“ (übersetzt: „streckt die Hände nach oben“). Rap wurde dieser rhythmische Sprechgesang genannt und heißt übersetzt eigentlich “klopfen, pochen oder meckern “. Als die Rap-Einlage dann zu einem festen Bestandteil der Musik des DJs wurde, wurden auch die Texte länger und gehaltvoller, man begann Geschichten zu rappen und auf diesem Weg seinen Ansichten und Gefühlen Ausdruck zu vermitteln. Heute ist von Außenstehenden der Begriff Rapper etabliert, während MC in den Hintergrund getreten ist.
Als Godfather (= Pate) of HipHop und hardest working men in HipHop (=schwerst arbeitender Man im HipHop) wird Kevin Donavan, besser bekannt als Africa Bambaataa, genannt. Er ist der Gründer der Zulu Nation, ein Zusammenschluss verschiedener DJs, Breakdancer, Graffiti- Künstler und sogenannter Homeboys, die ein gewaltfreies Zugehörigkeitsgefühl bieten sollten wie eine Gang. Sie besteht bis heute und hat in den letzten drei Jahrzehnten viele HipHop- Streitigkeiten beigelegt. Obwohl er sich sehr auf soziologische Art engagierte, wird er von seinen Jüngern als Master of Records ( Meister der Schallplatten) genannt, da er auch als DJ erfolgreich Mixe sampelte, denen er durch afrikanische und jamaikanische Einflüsse multiethnische Qualität verlieh.
Als weiterer, dritter berühmter DJ ist Grandmaster Flash zu erwähnen. Das bekannte Scratchen (=Hin und her bewegen einer Schallplatte, um Mix- Sounds zu produzieren) wurde durch ihn bekannt, genauso wie das break spinning (= abwechselnde Vor- und Zurückbewegungen zweier Platten, um dieselbe Stelle immer wieder abzuspielen). Beides DJ-Techniken, die für DJs in den folgenden Jahren beim Auflegen in Clubs unentbehrlich waren. Flash sorgte im Vergleich zu anderen DJs für Unterhaltung, indem er zum Beispiel Platten hinter dem Rücken drehte und mit weiteren Tricks das Publikum begeisterte.
Herc, Bambaataa und Flash hatten die HipHop -Klangwelt erfunden und sind in der geschichtlichen Entwicklung des HipHop von erheblich großer Bedeutung.
In der HipHop-Kultur gibt es zwei abgrenzbare Phasen. Die erste Phase wir heute als Old School verstanden und beschreibt die Gründungsväter und die ersten künstlerischen Gruppen der 70er Jahre, die mit ihrer Kreativität und ihrem Engagement ein gewisses Ansehen in ihren Stadtvierteln erreichen wollten. Im Gegensatz zur zweiten Phase, dem heute herrschenden New School, ging es dabei aber nicht ums Geld. Sorglose Offenheit und Naivität und vor allem Spaß in der Durchführung ihrer gewählten Kunstform spielte eine viel wichtigere Rolle. Karrieregedanken waren nicht der Auslöser für die Kraft, den Willen und die Leidenschaft, womit die Künstler ihre Kunst erfüllten, es war der Erfolg einer spontanen Entdeckung, welche ihnen ein Gefühl von Einzigartigkeit und einer besonderen Stellung gegenüber den anderen Musik-Tanz- und Kunstformen gab.
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